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Im untersten Regal im Bücherschrank, ganz links, dort wo der Staub unbemerkt ansetzen kann, da lauert das Böse, gebannt in Stephen Kings Büchern. Je älter ich wurde, desto weiter stiegen die Bücher in der Rangordnung ab und wurden schließlich dem Staub und dem Vergessen übergeben. Ich erinnere mich an den verachtenden Blick des Deutschlehrers. Jetzt erschien Kings neuer Roman Love, die New York Times ist begeistert, vergleicht den Autor, wenn auch unpassend, mit James Joyce. Es ist vielleicht Zeit, King aus dem Staub auszugraben und zu rehabilitieren. Stephen King wurde am 21.9.1947 in Portland, Maine, geboren. Sein Vater war Alkoholiker und verließ die Familie, als Stephen 2 Jahre alt war. Kings Begeisterung für Horrorliteratur kam schon früh zum Vorschein, als er in den 1950er eine Kiste seines Vaters auf dem Dachboden fand mit Taschenbüchern von Frank Belknap Long, Zelia Bishop, aber vor allem begeisterte ihn H. P. Lovecrafts The Lurking Fear and Other Stories. Daraufhin setze sich King intensiv mit Horror- und Fantasyliteratur auseinander. Stephen King demonstrierte 2003 zusammen mit seiner Frau Tabitha gegen den Irak-Krieg. Tabitha trug ungeniert ein T-Shirt, bedruckt mit einem Foto von George Bush und dem Schriftzug „International Terrorist“. Das Grauen hätte sicherlich auch hier für den Deutschlehrer begonnen, aber das eigentliche Grauen begegnet dem Leser in den Büchern, wenn auch nicht auf der ersten Seite. In der Kleinstadt, dort wo die Geschichten meistens beginnen, ist die Welt scheinbar in Ordnung, aber das Böse lauert. Es muss sich nur noch entfalten. Ein paar Seiten nimmt das in Anspruch. King spricht von dem literarischen Äquivalent eines Big Mac mit einer großen Portion Pommes – nichts für den Deutschlehrer, besonders nicht der Ketchup. King flunkert jedoch ein wenig bei diesem Vergleich. Es klingt nach einer mühelosen Arbeit für die Massen. Sein Erfolg begann 1973 mit dem Roman Carrie. Seine Erfolgsgeschichte spricht für sich und fast denkt man, King hätte vollkommen Recht. Er hat das Horror-Genre geprägt und das nicht nur zu dessen Vorteil, jedoch greift es zu kurz, ignoriert sein außerordentliches Talent. Ganz nahe geht seine Erzählerstimme an die Charaktere heran und erfasst überzeugend ihr Innenleben sowie das lokale Kolorit der Umgebung. Seine Heimat Maine ist auch der Handlungsort der meisten Romane, wie King sagt, kann man nur eine Region in seinem Leben wirklich kennen, daran hält er sich. Der Trick besteht darin, sich das Vertrauen des Lesers zu erschleichen. (…) Ich möchte Ihr Freund sein. Ich möchte zu ihnen kommen, meinen Arm um Sie legen und sagen: ‚He, möchtest du etwas sehen? Es ist toll! Warte, bis du es siehst. Es wird dir wirklich gefallen.‘ Wenn ich dann ihr Interesse geweckt habe, führe ich die Leser die Straße entlang, um die Ecke und in die Nebengasse, wo etwas wirklich Schreckliches ist, und dort lasse ich sie bis sie schreien! Das macht Spaß. (King anläßlich eines Vortrags in Billerica, Massachusetts)
Er versucht den Menschen, die er beschreibt, unter die Haut zu schlüpfen. In einem Interview bezog sich King auf Henry James, der schon festgestellt hatte, dass eine Geistergeschichte "an hundert verschiedenen Stellen mit den gewöhnlichen Dingen des Lebens verbunden sein" müsse, nur so funktioniert das Grauen, nur auf diese Weise kann er es vermitteln, indem er den Leser hineinversetzt, wo es vertraut ist, den Leser mitfühlen lässt und erst nach und nach, wenn das Vertrauen aufgebaut ist, Schrecken und Furcht vermittelt. Schrecken und Furcht ist das Ziel der Tragödie nach der antiken Dramentheorie von Aristoteles. Die Wirkung wäre nach der antiken Ansicht die Katharsis, eine Läuterung der Seele. Was heute davon erwartet oder befürchtet wird, das ist verschieden. Die ältere Horrorliteratur darf ihren Rang auch literaturgeschichtlich einfordern - die neue nicht. Henry James, H. P. Lovecraft, Edgar Allan Poe, Mary Shelley, Bram Stoker sind etabliert. In den 80er brachte das Pommesfett von Kings Romanen und seinen Epigonen dem Horror-Genre ein bestimmtes und fest definiertes Bild und dieses Bild war nicht immer förderlich. Das Wort Horror alleine ist schon negativ besetzt, sodass selbst Horror-Autoren es vermeiden. Auch King schreibt nicht nur Romane, die man heute stereotypisch unter "Horror" fassen würde. The Green Mile, kongenial verfilmt, sei nur als Beispiel genannt. Douglas Winter schreibt in der Anthologie Prime Evil "Horror is not a genre, like the mystery or the science fiction or the western. It is not a kind of fiction, meant to be confined to the ghetto of a special shelf in libraries or bookstores. Horror is an emotion." Wer diesen Gedanken verfolgt, der denke an die Angst vor den Maschinen, die sich in den Filmproduktionen der 80er und Anfang der 90er zeigte und an die beängstigenden Szenarien, die mit dem Thema der Gentechnik während Jahrtausendwechsel auftauchten. Zukunftsangst, das gab es auch im 19. Jahrhundert: Jules Vernes stellte seine in dem Roman Paris im 20. Jahrhundert dar. Jedes Jahr, seit 1977, veröffentlicht King mindestens einen Roman. Seine persönlichen Niederlagen konnten ihn nicht aufhalten. "there was nothing else I was made to do. I was made to write stories and I love to write stories. That's why I do it." King verfiel dem Alkohol und 1985 auch dem Kokain. In den 1990er halfen seine Frau, Freunde und eine Therapie King wieder drogenfrei zu werden. 1999 wurde er von einem Auto angefahren. Das prägte sein Leben, sichtbar seinen Roman Dreamcatcher, hinderte ihn aber nicht am weiterschreiben. "The OLDEST and strongest emotion of mankind is fear, and the oldest and strongest kind of fear is fear of the the unkown.", schreibt H.P. Lovecraft in Supernatural Horror in Literature. In der Antike war der Existenzgrund von Zeus auch die Angst. Seine Epiphanie war der Blitz, ein gebändigter Blitz, weil personifiziert, denn seine Erklärung findet er im Göttlichen. Der Blitz blieb etwas Beängstigendes, aber er wurde als Zeus in einen Götterkosmos eingebunden, der Blitz bekam eine Ursache. Im 21. Jahrhundert brauchen wir keine übernatürliche Erklärung mehr für einen Blitz. Die Menschheit muss sich nicht mehr vor den unbekannten Ursachen von Naturgewalten fürchten, aber weiterhin vor den Auswirkungen und das heute vielleicht sogar mehr als früher, deswegen versuchen wir weiterhin das Unbekannte zu bannen, vorherzusagen oder zu lenken. Der Blitzableiter von Benjamin Franklin war ein Anfang. Trotz aller Aufgeklärtheit können wir nicht die Furcht abschütteln, wenn wir auch nicht darüber lesen oder lesen wollen, so werden wir sie dennoch nicht beseitigen können, denn auch ohne Literatur wissen wir, dass jene Menschen sterben könnten, die wir am meisten lieben. Wie schon zu Zeiten Homers suchen wir einen Weg unsere Ängste zu bändigen. Der Artikelautor verbeugt sich zum Abschluss vor dem untersten Regal, denn das Umräumen wäre dann doch zu umständlich, aber die Geste zählt. Der Schriftsteller muss die Charaktere darstellen können, die Region beschreiben können, die Schicksale und Überzeugungen und nur dann, wenn von dieser Welt in die erfundene Welt ein Weg führt, der Leser abgeholt wird, dorthin enführt wird, wo die fiktionalen Charaktere leben, wird das Werk gelingen; wir müssen vergessen, dass diese Charaktere nur erfunden sind, nur dann werden wir mitleiden. Danke King. |